Nazis und Töfflibuben im Emmental
Es gibt sie doch, diese kleinen, feinen Geschichten aus der Schweiz, welche starkes Kino ausmachen. Während "Off Beat" anfangs Jahr als scheinbar einsame Schweizer Perle die Herzen der cinéphilen Zuschauer an der Berlinale eroberte, bestätigt nun "Silberwald" den Aufwärtstrend des Schweizer Arthouse-Kinos. Sascha (Saladin Dellers) befindet sich nach seinem Schulabschluss in einer Identitätskrise. Er findet keine passende Lehrstelle und verbringt seine Zeit mit dem besten Freund Patrick (Naftali Wyler). Die Leere in ihrem Leben, fehlende Anerkennung und Langeweile kompensieren die Töfflibuben vom Land mit vorerst harmlosen Streichen und Kiffen. Erst als Sascha dringend Geld braucht, um seine Angebetete zum "Wurzel 5"-Konzert einzuladen, macht er sich auf die Suche nach einer Arbeit. Diese findet er als Hilfsförster bei einem Bauern des Dorfes - scheinbar wendet sich doch alles zum Guten.![]()
Sascha findet während der Arbeit ein Feuerzeug, auf welchem die Zahl 88 graviert ist - ein Symbol der Neonazis. Auch die ausländerfeindlichen Plakate an den Strassenrändern des Dorfes lassen erahnen, dass der Film ein grösseres Thema anpackt, als die Identitätskrisen junger Heranwachsender auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens. Im Wald treffen die Jungs zufällig auf eine Hütte, welche von Neonazis als Partyraum genutzt wird. Sie brechen in die Hütte ein und entwenden Naziflaggen und Bücher; die Faszination für die Bewegung wächst. Als Sascha unabsichtlich eine Katze tötet, seine Angebetete an einen Kollegen verliert und die Beziehung zu seiner Mutter immer schlechter wird, rasiert er sich die Haare und beschliesst, sich den Neonazis anzuschliessen. Ein Moment des Filmes, der Gänsehaut verursacht und eine Entscheidung, welche für die beiden Protagonisten dramatische Folgen haben wird.
Die Dokumentarfilmregisseurin Christine Repond begann mit ihrer Recherche für den Film im Jahr 2007. Die ausländerfeindliche Kampagne der SVP, in welcher ein schwarzes Schaf von weissen Schafen symbolisch aus der Schweiz geworfen wurde, warf in ihr die Frage auf, wie die Plakate wohl von Jugendlichen wahrgenommen werden. Auf der Suche nach der Antwort führte sie im Emmental intensive, persönliche Gespräche mit Jugendlichen. Dabei entdeckte sie nicht nur eine allgegenwärtige latente Xenophobie, sondern auch die gelebte Extremform des Neonationalsozialismus. Wie können Jugendliche in derart extremen, gewalttätigen Gruppen enden? Diese Frage sucht der Film zu beantworten.![]()
Wie auch dem Dok-Filmer Jan Gassmann (Off Beat) war Repond ein dokumentarischer Erzählstil wichtig. Die Geschichte sollte authentisch wirken, die psychische und physische Gewalt, welche die Jugendlichen erleben und ausüben, subtil spürbar werden. Michael Leuthner, dessen Wurzeln ebenfalls im Dokumentarfilm zu finden sind, führte die Kamera. Die beiden versuchten, den Protagonisten viel Freiraum in der Interpretation ihrer Rollen zu lassen, und ihnen dabei visuell möglichst nah zu folgen. Der Zuschauer soll die Gefühlswelt - trotz der teilweise improvisierten Szenen - hautnah miterleben können, ohne dass die Schauspieler durch Fokus-Markierungen eingeschränkt wurden. Ein riskantes Vorhaben, welches vor allem durch die grossartige Leistung Dellers und Wylers einen berührenden und verstörenden Schweizer Film erschaffen hat, der zum Nachdenken auffordert. Laiendarsteller, die mit kompromisslosen, radikalen Filmschaffenden neue Wege gehen, scheinen ein Erfolgsrezept zu sein, welches den Schweizer Film bald von seinem angeschlagenen Image befreien könnte.
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