Aus dem Leben gegriffen
Wenig gibt es im Vorfeld über die hier laufenden Filme zu erfahren und nur vereinzelt ist bereits ein Trailer verfügbar. So verlässt der Filmfreund sich denn mitunter auf eine blosse Annahme, welche Aufführung den Besuch wert sein könnte. Beim dänischen «Red Chapel» (Trailer) war die Vorahnung dermassen untrüglich, dass der gestern angekündigte Horrorstreifen «Armless» plötzlich verzichtbar erschien. Was Wunder: Wie kann ein Dok-Film über ein Komikerduo, das für einen Auftritt im Staatstheater nach Pjöngjang reist um das grundsätzlich Böse am Nordkoreanischen Staat mittels stümperhafter Sketches zu entlarven, weniger lustig sein als ein Film über einen Mann, der sich beide Arme amputieren lassen will? Eben.

Tatsächlich ist «Red Chapel» zum Brüllen komisch - aber nicht nur. Aus dem Spass wird Ernst, auch für den Regisseur des Filmes, der offensichtlich nicht mit dem Effekt gerechnet hat, den die Auswüchse des Totalitarismus auf den Film, seine Protagonisten und sich selber haben würde. Beide Komiker sind zwar in Dänemark aufgewachsen, aber in Korea geboren. Dazu ist einer, Jacob Nossell, Spastiker, was nicht ganz ohne Brisanz ist, weil Behinderte im Strassenbild Pjöngjang auf gar wunderliche Art und Weise schlicht nicht vorhanden sind. Als Jacob einen Zusammenbruch erleidet, sieht der Regisseur sich gezwungen, hart mit sich ins Gericht zu gehen. Nutzt nicht er selbst im Stile der nordkoreanischen Regierung den vermeintlichen Kulturaustausch zur Propaganda und macht den behinderten Jacob zur blossen Marionette? Und wie sollen die Spassvögel den Kopf aus der sich jäh schliessenden totalitären Schlinge ziehen?

In unerwartete Tiefen stösst auch «Teenage Paparazzo» vor, ein Dokfilm über den jüngsten Celebrity-Jäger Hollywoods, der gerade mal 13 Lenze zählt. Den Film drehte Adrian Grenier, der Beau aus der Comedyserie «Entourage», der die Beharrlichkeit ebendieses Knirpses am eigenen Leib erfahren hatte. Die beiden freunden sich an und Grenier wagt den Schritt auf die andere Seite der Linse, indem er sich von Frechdachs Austin in die Geheimnisse der Zunft einweihen lässt. In der Umkehr wandelt sich aber auch die Rolle von Austin, der es plötzlich selbst zu einiger Berühmtheit bringt und gar eine eigene Realityshow bekommen soll. Spät erst wird Adrian Grenier bewusst, welch zerstörerischen Einfluss er auf das Leben des Knaben ausübt. Mit «Teenage Paparazzo» ist dem Serienstar ein pfiffiges Porträt einer ungewöhnlichen Jugend ebenso gelungen wie eine pointierte Analyse des Celebritykultes.

Zu Berühmtheit trauriger Art hat es das Subjekt des Dokumentarfilmes «The Tillman Story» gebracht. Ein junger Mann mit allem, was man sich wünschen kann, inklusive eines Millionenvertrags als NFL-Footballstar, meldet sich freiwillig für den Militärdienst und wird im Irak getötet - von eigenen Truppen notabene. Jegliche vorgängigen Abmachungen missachtend, inszenieren die US-Militärs ein publikumswirksames Staatsbegräbnis, nachdem sie die Lügengeschichte eines Heldentodes fabriziert und Tillmans überlebende Kameraden zum Stillschweigen verpflichtet haben. Der Film weckte schon frühmorgens Empörung im Saal über die plumpe Verschleierungstaktik des Pentagon und die Feigheit höchster Amtsträger, die sich nicht mal angesichts harter Fakten zur Ehrlichkeit durchringen konnten.
Nachtrag zu «Splice»: Dieser Link führt zu einem Ausschnitt aus dem ersten Akt dieser modernen Frankensteingeschichte, in der Vincenzo Natali allzu vieles unter einen Hut zu bringen versucht. So löblich die Absicht, in einem Horrorfilm die Beziehungen der Figuren in den Mittelpunkt zu stellen - als dann auch noch Inzest und Kindsmissbrauch ins Spiel kommen, gerät der Film selbst zum Ungetüm. Produziert ist «Splice» allerdings durchaus gekonnt, und dass sich das Hauptdarstellerpaar Adrien Brody und Sarah Polley sich nichts vorzuwerfen lassen braucht, dürfte nicht überraschen.
A propos "Red Chapel": mir hat ja schon "der eiserne Lotus" sehr gut gefallen. Wie freu ich mich da erst auf drei Dänen in Nordkorea.
benepp
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