

Das Filmfestival Fribourg zeichnet sich traditionell dadurch aus, dass es Werke aus kleinen und exotischen FilmlÀndern prÀsentiert. Heuer wird das starke Filmprogramm (den Abschluss macht der frisch Oscar-gekrönte Krimi El secreto de sus ojos) mit einem Schwerpunkt zum Thema Serien ergÀnzt.
Gezeigt und von den Machern persönlich vorgestellt werden mehrere Produktionen aus dem Nahen Osten, darunter BeTipul, das israelische Original der HBO-Produktion In Treatment, die letzten Sommer auf SF zwei zu sehen war. Ebenfalls aus Israel, aber ganz anders geartet ist die Comedy-Serie Avoda aravit, deren Protagonist, ein arabischer Journalist, zwischen Integration in der israelischen Gesellschaft, Selbstbehauptung und Rebellion schwankt.
Ebenfalls im Programm: Eine saudische Comedy-Serie um junge Möchtegern-Stars im Clinch mit gestrengen Sittenrichtern, eine syrische Produktion um einen modernen Robin Hood sowie eine Emanzipationsfabel aus einem israelischen Friseursalon. Am 18. MĂ€rz findet ĂŒberdies eine Podiumsveranstaltung statt, welche sich insbesondere mit der Situation der Serien in der Schweiz befasst.
Auch wer sich sonst nicht zu den Hardcore-Fans von Drittweltkino zÀhlt, hat heute guten Grund, nach Fribourg zu fahren.
In diesem Blog war auch schon davon die Rede, dass es in unserem Zeitalter der Medienkrise sowie der Jekami-Diskussionen im Internet um die Filmkritik immer schlechter steht. Die Zeitungen kĂŒrzen drastisch die Honorare fĂŒr freie Mitarbeiter, und gestandene Redakteure werden frĂŒhpensioniert, um dann zu schlechteren Bedingungen doch weiterbeschĂ€ftigt zu werden (z.B. Christoph Egger bei der NZZ).
In den USA steht es noch schlimmer. Roger Ebert ist zwar körperlich schwer angegriffen, schreibt aber nach wie vor allen um die Ohren. Bisher ist das alles unentgeltlich zu lesen, aber seit man bei der Chicago Sun-Times auch den GĂŒrtel enger schnallt, erwĂ€gt er, zumindest einen Teil seines enormen Outputs nur noch fĂŒr zahlende Leser zugĂ€nglich zu machen, wie er in seinem Blog schreibt.
Einen weiteren Blog-Eintrag widmet Ebert ganz zu Recht einer Tirade gegen das Branchenblatt Variety und einer Hymne auf seinen Kollegen Todd McCarthy. Letzterer war 31 Jahre lang als Kritiker bei Variety tĂ€tig, seit vielen Jahren als Chefkritiker. Alle groĂen Filme wurden von ihm besprochen, zuhanden der Branche, und McCarthy schrieb immer klar und differenziert. Als einer jener Kritiker, die neue Filme vor allen anderen zu sehen bekamen, war er in aller Regel unvoreingenommen und unbeeinflusst, galt aber seinerseits fĂŒr viele KollegInnen als Referenz.
Nun sind McCarthy und sein Ă€hnlich angesehener Kollege Derek Elley von Variety geschasst worden, weil man sich die beiden in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten nicht mehr leisten könne. So stellt sich einmal mehr die Frage, ob sich unsere Welt ĂŒberhaupt noch eine solide, fundierte und kundige Filmkritik leisten will. FĂŒrs Erste schlieĂe ich mich aber Eberts Fazit an: Wenn Variety einen Todd McCarthy nicht mehr als Kritiker braucht, braucht es auch mich nicht mehr als Leser.
An der gestrigen Verleihung des Schweizer Filmpreises Quartz 2010 wurde in mehrfacher Hinsicht versucht, den Röstigraben wenigstens auf der Ebene des Filmschaffens zuzuschĂŒtten bzw. vergessen zu machen. Die Schweizer Filmakademie, die sich aus rund 250 Filmschaffenden aller Sprachregionen zusammensetzt und deren deutschsprachige Mitglieder aus demographischen GrĂŒnden freilich ĂŒberwiegen, hat die meisten Auszeichnungen an Filme aus der Romandie verliehen.
Kein Wunder also lieĂ sich SĂ©verine Cornamusaz, deren Erstling Coeur animal nicht nur als Bester Spielfilm ausgezeichnet wurde, sondern auch den Preis fĂŒr den besten Darsteller (Antonio Buil) einheimste, zum "ersten schweizerdeutschen Satz" ihres Lebens hinreiĂen; sie sprach "tĂŒtschi Schwyzer" an und dankte ihnen fĂŒr ihre Stimmen.
Auch Didier Burkhalter, neu oberster Kulturförderer der Schweiz, und FrĂ©dĂ©ric Maire, als CinĂ©mathĂšque-Chef HĂŒter des audiovisuellen Erbes der Eidgenossenschaft, luden zu sprachregionalen GrenzĂŒberschreitungen ein. Drittens beschworen Vertreter Ă€lterer Generationen den Geist eines gesamtschweizerischen Films. Claude Goretta, der einen Ehrenpreis erhielt, erinnerte daran, dass das "Nouveau cinĂ©ma suisse" der 60er und 70er Jahre, das er mit Filmen wie L'invitation und Pas si mĂ©chant que ça wesentlich mitprĂ€gte, in der Deutschschweiz Ă€hnlich begeistert aufgenommen wurde wie in der Romandie.
Franz Schnyder schlieĂlich, dessen 100. Geburtstag SF derzeit mit einer Filmreihe und einer ziemlich einmaligen Webseite feiert, sagte in einer Einspielung aus dem Dokumentarfilm FRS, er habe mit den Uli-Filmen eine Million Schweizer ins Kino gebracht, und diese Zahl mĂŒsse man schon erreichen, wenn man von einem erfolgreichen Schweizer Film sprechen wolle.
Angesichts der durch Fernsehen, Video und Internet erodierenden Besucherzahlen von heute mutet Schnyders Vorgabe freilich exotisch und unerreichbar an; einzig Rolf Lyssys Die Schweizermacher ist ĂŒber die Jahre in diese Liga vorgestoĂen, und der nĂ€chst erfolgreiche Schweizerfilm, Bettina Oberlis Die Herbstzeitlosen, durfte unlĂ€ngst mit knapp 600 000 Besuchern als Sensation gelten. Es ist jedoch zu hoffen, dass einige der Quartz-prĂ€mierten (und -nominierten) Werke beidseits des Röstigrabens auf Beifall stoĂen werden. So gut wie die meisten Hollywood-Produkte, die schweizweit die KinosĂ€le verstopfen, sind sie allemal.
Wer es unter dem iranischen Regime wagt, systemkritische Filme zu drehen, lebt gefĂ€hrlich. Jafar Panahi hat bereits 2000 in "Dayereh - Le cercle" schwierige Frauenschicksale und das Tabu der Prostitution thematisiert; in "Offside" (2006) veranschaulichte er die UnterdrĂŒckung der Frauen auf ironischere Weise anhand einer Schar weiblicher FuĂballfans, die das Spiel Iran-Bahrain sehen wollen, obschon ihnen der Zutritt zum Stadion verboten ist.

Nix mit Nordkurve
Nun ist Jafar Panahi selbst böse ins Abseits geraten; als prominenter Oppositioneller ist er unter fadenscheinigen VorwĂ€nden festgenommen worden. Die Filmwelt protestiert, die Diplomatie setzt sich fĂŒr den beherzten Cineasten ein; ob das fruchtet und ob Panahi selbst nach einer Freilassung weiterhin dem Regime Ahmadinejad ein Dorn im Fleisch sein kann, ist offen.
SF 1 zeigt "Offside" noch einmal in der Nacht vom Donnerstag, dem 11. MĂ€rz.
Die Hiobsbotschaften hÀufen sich: Der Marktanteil des Schweizer Films in den Kinos schwindet, die Jungen sehen sich kaum noch Arthouse-Filme an, Mainstream-Kost in Synchronfassung verdrÀngt untertitelte Originalversionen aus einst cinephilen SÀlen.
Einer der Orte, wo solchen Entwicklungen etwas entgegengesetzt wird, ist - nein, diesmal nicht "Delikatessen" - das wichtigste Festival fĂŒr Schweizer NachwuchsfilmerInnen:
Die Schweizer Jugendfilmtage finden heuer vom 10. bis 14. MĂ€rz im Theater der KĂŒnste an der Gessnerallee in ZĂŒrich statt. Aus ĂŒber 250 eingesandten Filmen werden deren 60 gezeigt, die in fĂŒnf Kategorien um die Auszeichnung mit einem "Panther" ringen. Daneben gibt es ein Rahmenprogramm aus Workshops und Kursen statt.
Wer sich also fĂŒr neue Perspektiven im in- und auslĂ€ndischen Filmschaffen interessiert und/oder selber Filme macht und seine cineastischen FĂ€higkeiten verbessern will, sollte diese Veranstaltung nicht verpassen.
Die gute Nachricht vorweg: Die neue Disney-Verfilmung von Alice in Wonderland hat mit der niedlichen Trickfilmversion von 1951 etwa so viel gemeinsam wie GoodFellas mit Bugsy Malone. TatsĂ€chlich gab es viel Grund zur Hoffnung, als zu hören war, Tim Burton wĂŒrde sich dieses Klassikers der absurden Nichtnurkinder-Literatur annehmen. Immerhin ist er selbst einer der stetigsten Schöpfer schrulliger MĂ€ren im FilmgeschĂ€ft, sei es aus der Mitte der Industrie heraus oder an deren Randbezirken. Und so gibt es in seiner Quasi-Adaption denn auch viele Elemente und Momente, die das Herz des Carrollianers erfreuen, wo sich die schrĂ€ge pseudoviktorianische GruselĂ€sthetik des Möchtegern-Briten Burton mit der verkorksten SensibilitĂ€t des viktorianischen Mathematikers, Fotografen und Geistlichen Charles Lutwidge Dodgson deckt oder gar mit ihr vermĂ€hlt und kongeniales Neues erzeugt.
Gerade bei der Besetzung hatte Burton wie so oft eine gute Hand: Die Hauptdarstellerin Mia Wasikowska (SF-Serienfans bekannt als Sophie aus In Treatment) verleiht der 19 Jahre alt gewordenen Alice jene Mischung aus NaivitĂ€t und Widerborstigkeit, die Carrolls Heldin ausmachte. (Ja, dieser Film ist keine 1:1-Verfilmung der beiden Alice-BĂŒcher, sondern eine Art Sequel, das einsetzt, als Alice, die ihre einstigen Erlebnisse im Wunderland fĂŒr bloĂe KindheitstrĂ€ume hĂ€lt, vor ihrer anstehenden Verlobung mit einem Pinsel flieht und, erneut durchs Kaninchenloch gestĂŒrzt, in neue Abenteuer mit alten Bekannten verstrickt wird.) Kaum zu erkennen ist Johnny Depp als struwwelpeteriger, grĂŒnĂ€ugiger Mad Hatter, wĂ€hrend Helena Bonham Carter der wasserköpfigen Roten Königin ihre ganze blasse Boshaftigkeit einverleibt. Anne Hathaway nimmt als ausgebleichte WeiĂe Königin ihr Image aus The Princess Diaries auf die Schippe, und Matt Lucas aus Little Britain macht sich als dickes Deppenpaar Tweedledum und Tweedledee fĂŒr einmal selber das Leben schwer. HĂŒbsch (im Original) auch die Stimmen von Alan Rickman (als weise, shishaschmauchende Raupe) und Stephen Fry als Cheshire Cat.
Aber.
Bei diesem Projekt haben nicht nur Carroll (passiv) und Burton mitgewirkt; das Drehbuch stammt von Linda Woolverton, die bei Disney fĂŒr Skripts zu Beauty and the Beast und The Lion King gezeichnet hat. Von ihr stammt denn auch der Impetus, die konsequent unlogische, traumĂ€hnliche Welt der Alice-BĂŒcher in die lineare und allzu logische Dramaturgie eines Fantasy-Epos hineinzuzwĂ€ngen. Alice wird zur unfreiwilligen, schwertschwingenden Retterin von "Underland", wie das Carroll'sche Reich hier heiĂt; sie muss im Namen der UnterdrĂŒckten gegen die böse Rote Königin kĂ€mpfen, die einen - hinzuerfundenen - einĂ€ugigen, narbengesichtigen Schergen namens Ilosovic Stayne (aus Serbien zugewandert?) beschĂ€ftigt und das Ungeheuer Jabberwock (das bei Carroll nur in einem eingebetteten Pseudo-Heldengedicht auftaucht und in der Ăbersetzung von Christian Enzensberger als Zipferlak wiedergegeben wird) zur Verheerung des Landes und zur Vernichtung ihrer Feinde abgerichtet hat; das Biest spricht im Film sogar (immerhin mit der Bassstimme von Christopher Lee). Ein Hund darf bei Disney auch nicht fehlen, also wird ein Bluthund namens Bayard dazugedichtet, der von den Bösen ebenso zu Alices Fraktion ĂŒberlĂ€uft wie der monströse Bandersnatch (bei Enzensberger: Schnatterrind). Ăberhaupt kriegen so ziemlich alle Figuren einen Namen (vermutlich zur Erleichterung der Vermarktung), der Carrolls sprachlicher Ăsthetik völlig zuwiderlĂ€uft. Ărgerlich auch, dass zwischen Jabberwock (Monster) und Jabberwocky (Epos ĂŒber das Monster) nicht unterschieden wird. OK, das mag spitzfindig anmuten, doch der Klang von Carrolls Wortschöpfungen ist wichtig, denn enthalten tun sie nur Unsinn.
So ist denn der Gesamteindruck durchwachsen. Visuell ist das 3D-Ding spektakulĂ€r, abgesehen von einigen erstaunlich mĂ€Ăigen CGI-Effekten sowie ein paar farblichen Ausrutschern (der Carrot-Top-Fritte des Mad Hatter und den tĂŒrkisen Streifen der Cheshire Cat etwa); Story und Figurenzeichnung sind bisweilen schmerzhaft, und Burtons Stammkomponist Danny Elfman hĂ€tte sich einen grausigen musikalischen Anachronismus - eine Disco-Einlage fĂŒr Johnny Depp - verkneifen sollen. Mit etwas GlĂŒck aber behĂ€lt man vor allem die gelungenen Teile in Erinnerung; der Rest ist nur ein böser Traum.
Am 5. MĂ€rz zeigt SF 1 exklusiv und als Schweizer Premiere den jĂŒngsten Kinofilm von Peter Greenaway: Nightwatching, gedreht aus Anlass des 400. Geburtstags des Malers Rembrandt Harmenszoon van Rijn im Jahre 2006, schildert die Entstehungsgeschichte seines berĂŒhmtesten Werks: In "Die Nachtwache", seinem Gruppenbild der BĂŒrgerwehr von Amsterdam, verschlĂŒsselt Rembrandt Hinweise auf ein mörderisches Komplott machthungriger Mitglieder dieser Miliz. Greenaway zeigt den KĂŒnstler - glĂ€nzend gespielt vom Komiker Martin Freeman - als widerwilligen Hofmaler einer Hautevolee, die ihn nie als einen der Ihren akzeptierte und als Lebemann in einem Haushalt voller Frauen, die ĂŒber sein Schicksal bestimmten.
Greenaway inszeniert Nightwatching (r. Agata Buzek als Titia)
Malerei steht in Greenaways Werk nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt. Der 1942 geborene Cineast fing selbst als Kunstmaler an, und schon sein erster Spielfilmerfolg, The Draughtsman's Contract (1982), handelte von einem Zeichner, in dessen Bildern sich Hinweise auf Verbrechen verbergen. Auch The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover" (1989) war von Malerei inspiriert, indem Greenaway diese Moritat ĂŒber Machthunger und Gier als Folge farbiger Tableaux vivants inszenierte. SF 1 zeigt diesen Film noch einmal am 26. Februar.
Greenaway wettert zwar gerne ĂŒber den Umstand, dass das Kino bloss "illustrierter Text" sei und dass unsere Zivilisation nie gelernt habe, Bilder zu lesen. Doch auch wenn er selbst die visuelle Ebene seiner Werke mit Symbolen und Anspielungen anreichert und sein Publikum damit herausfordert, so ist er doch auch ein begnadeter ErzĂ€hler und SprachkĂŒnstler. Als Kostprobe von Greenaways Schreibe, die seine einzigartige Sichtweise zum Ausdruck bringt, ist hier - mit freundlicher Genehmigung des Autors - ein Auszug aus seinem Drehbuch zu The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover zu sehen, weiland ĂŒbersetzt von meiner Wenigkeit. Am selben Ort findet sich ein kurzes Interview mit Greenaway ĂŒber The Cook..., das 1996 als Einleitung fĂŒr eine Ausstrahlung des Films in "Delikatessen" aufgezeichnet wurde.
Wer wissen will, wie intelligent und hintergrĂŒndig Kino sein kann, ist bei Greenaway an der richtigen Adresse.
Die Berlinale ist natĂŒrlich noch in vollem Gange, im EuropĂ€ischen Filmmarkt werden aber bereits die Zelte abgebrochen. Produzenten, EinkĂ€ufer, RechtehĂ€ndler und Verleiher haben ihre GeschĂ€fte gemacht und so beginnt fĂŒr viele schon wieder der wehmĂŒtige Abschied vom Festivalleben.
Als EinkĂ€uferin hat man wĂ€hrend der Berlinale nicht nur die Qual der Wahl zwischen 400 Festivalfilmen, nein, man könnte sich in der ersten Festivalwochen zusĂ€tzlich noch TĂGLICH 160 Filme anschauen, die nur im Markt gezeigt werden. Schwierig, sich da einen Ăberblick zu verschaffen. Doch nun ist die grosse Hektik vorbei und man kann sich zum Schluss nochmals ganz dem Festival widmen.
Der Wettbewerb hat nĂ€mlich inzwischen an Schwung gewonnen. Im deutschen Beitrag «Der RĂ€uber» von Benjamin Heisenberg, der auf einer wahren Geschichte beruht, gewinnt BankrĂ€uber Johann Rettenberger, kaum aus der Haft entlassen, den Wiener Stadtmarathon. Doch das Adrenalin des LangstreckenlĂ€ufers ist ihm nicht genug, er muss auch weiter Banken ĂŒberfallen. Ein anderer Ex-HĂ€ftling spielt Stellan SkarsgĂ„rd im norwegischen Wettbewerbsbeitrag «A Somewhat Gentle Man», der einem mit leisem, lakonischem Humor immer wieder an die Filme von Aki KaurismĂ€ki erinnert. Als Favorit fĂŒr den Goldenen BĂ€ren gilt in der Presse aber momentan das tĂŒrkische Drama «Bal» («Honey») von Semih Kaplanoglu - der letzte Teil einer Trilogie - das in wunderbar komponierten Bildern sehr wortkarg von einem noch wortkargeren kleinen Jungen, seinem Vater und wildem Honig erzĂ€hlt. Live sah man den kleinen Hauptdarsteller dieses Filmes um einiges aufgeregter im Berlinale Palast herumflitzen.
Sicher amĂŒsanter als «Bal» war Lisa Cholodenkos «The Kids Are All Right», in dem Julianne Moore und Annette Bening umwerfend ein lesbisches Ehepaar spielen, das mit dem attraktiven Samenspender (Mark Ruffalo) ihrer beiden Kinder konfrontiert wird. Mark Ruffalo konnte nach Scorseses «Shutter Island» also bereits ein zweites Mal ĂŒber den roten Berlinale-Teppich schreiten. Allerdings laufen beide Filme mit ihm ausser Konkurrenz.
Richtig heimelig wurde es gestern fĂŒr Berliner im Friedrichstadtpalast, wo die Komödie «Boxhagener Platz» mit der ganzen Crew Premiere feierte. Gudrun Ritter gibt darin die resolute Oma Otti, die gerade ihren sechsten Ehemann beerdigt. In diesem rĂŒhrenden Heimatfilm aus dem Berliner Ostbezirk Friedrichshain sind auch Meret Becker, Horst Krause und JĂŒrgen Vogel zu sehen. Nach der Premiere wurde ganz stilecht im charmant heruntergekommenen Saal von «ClĂ€rchens Ballhaus» in Mitte weitergefeiert.
An der diesjĂ€hrigen Berlinale ist solides Schuhwerk gefragt, ansonsten wird der Potsdamer Platz zur Rutschpartie. Die Stars und Sternchen werden in ihren High Heels aber natĂŒrlich von den schwarzen Limousinen direkt an den roten Teppich gefahren. Frieren mĂŒssen sie im garstigen Berliner Winter trotzdem, wenn sie in Abendgarderobe geduldig vor den Fotografen posieren und Autogramme an die Fans verteilen.
Und es war schon eine ganze Menge Hollywood-Prominenz hier: Leonardo DiCaprio, Pierce Brosnan, Sir Ben Kingsley und als Jury-Mitglied RenĂ©e Zellweger. Roman Polanskis eleganter Thriller âThe Ghost Writer" und Martin Scorseses Psycho-Horror âShutter Island" gehören zwar nicht zu den Meisterwerken dieser grossen Regisseure, sorgten aber fĂŒr einen sehr hohen Glamour-Faktor. Wenn es einem dann gelingt, eines dieser begehrten Premiere-Tickets zu ergattern, sitzt man also nicht nur mitten in der versammelten deutschen Filmprominenz, sondern merkt auch plötzlich, dass man einem Ben Stiller die Sicht auf die Leinwand verdeckt. Der hat hier bereits seine launige Loser-Komödie âGreenberg" vorgestellt. Filmische Entdeckungen liessen sich bisher weniger im Wettbewerb, sondern viel mehr in den Nebensektionen machen. Im Forum wird heute Abend das hammerharte US-Provinz-Drama âWinter's Bone" gezeigt, das bei Verleihern und EinkĂ€ufern schon im Vorfeld fĂŒr Furore sorgte. Mein Kollege Simon Kern hat darĂŒber bereits aus Sundance berichtet. Nun steigen hoffentlich die Chancen, dass es dieser beeindruckende Independent-Film auch bei uns ins Kino schafft. In der Festival-Sektion Panorama war der finnische Beitrag âBad Family" zu sehen, in dem ein gestrenger Richter seinen Sohn quasi in den Inzest treibt. Oder der von Alejandro AmenĂĄbar produzierte Esoterik-Thriller âEl mal ajeno", in dem ĂŒberraschenderweise ein alter Bekannter auftaucht: Der Westschweizer Schauspieler Carlos Leal muss zwar bereits in den ersten fĂŒnf Filmminuten sterben, baut aber seine Rolle in RĂŒckblenden aus. Der ehemalige âSens Unik"-Rapper aus Lausanne scheint nun also auch in Spanien Karriere zu machen.
"Ein Komiker soll die Leute nicht zum Lachen bringen, sondern zum Denken." Dieser schöne Satz stammt von Ricky Gervais, Star und Schöpfer der Urversion von "The Office" und der filmpersiflierenden Serie "Extras", die öfter mal auf SF zwei zu sehen ist.
Gervais hat sich auch in den letzten Jahren auch im Kino versucht, sei es in einer Nebenrolle im schrÀgen Fantasyfilm "Stardust" oder auch als Hauptdarsteller der etwas zu netten Komödie "Ghost Town".
Seine StĂ€rke als Satiriker spielt Gervais in seinem RegiedebĂŒt aus, das leider bei uns offenbar nicht ins Kino kommt, aber auf DVD greifbar ist: "The Invention of Lying" ist vom Plot her eine romantische Komödie, in welcher der dickliche, stupsnasige Gervais versucht, die bildhĂŒbsche Jennifer Garner zu erobern. Der Clou dabei: Der Film spielt in einer Welt, wo die Menschen nie das LĂŒgen erlernt haben und sich gegenseitig alle unschönen Wahrheiten um die Ohren hauen. So auch die Garner, die Gervais klar macht, dass er bei ihr keine Chancen hat, weil er in genetischer Hinsicht weniger zu bieten hat als sein Nebenbuhler, gespielt von Schönling Rob Lowe. Neben einigen cleveren EinfĂ€llen zum Thema Fiktion (das gibts in dieser Welt freilich auch nicht, was das FilmgeschĂ€ft etwas dröge macht) widmet sich Gervais' sarkastische Fabel auch der Frage der Religion. Der Protagonist Mark lernt nĂ€mlich als erster Mensch lĂŒgen und macht seiner sterbenden Mutter weis, nach dem Tod werde sie an einen schönen Ort kommen und andere Verstorbene wiedersehen. Und unversehens wird der Antiheld zum - ersten - Stifter einer Religion. Versteht sich, dass dieser Film in den mehrheitlich konservativ religiösen USA nicht eben zum Kassenschlager avanciert ist; wo Glauben selig macht, ist Denken unbeliebt.
Ăhnlich anregend wie Gervais' Film ist eine Rede seines Komikerkollegen Stephen Fry, der unlĂ€ngst am Londoner Debattierforum "Intelligence Squared" aufgetreten ist. Fry Ă€uĂerst sich zum Thema, ob die Katholische Kirche in der Welt einen guten Einfluss darstelle. So schief seine Nase, so geradlinig ist Frys Logik, mit welcher er demonstriert, dass der Vatikan sich nach wie vor an Dogmen hĂ€lt, die gerade den Armen und Schwachen auf dieser Welt wenig Gutes verheiĂen. Das ist nicht nur lustig und klug, es ist auch sehr bewegend.



kulturplatz-Blog mit Christoph Marti, auch bekannt als Ursli Pfister

